Der Fall Island: Lehren aus einer europäischen Krise ohne Euro [Charts]

“Daraus muss man schlussfolgern, dass sich der nominale Wechselkurs als Sicherheitsventil für die Krise bewährt hat. Vor der Krise war der nominale Wechselkurs Islands sogar gesunken (hatte sich also aufgewertet), was zusammen mit einer im Vergleich zum Ausland relativ hohen Inflation zu einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit führte. Als nach der Krise dringend Nachfrage und Beschäftigung benötigt wurden, konnte jedoch durch die nominale Abwertung beides erreicht werden. Trotz der Sorgen, dass die Isländer nur Aluminium und Fisch exportieren und eine Abwertung daher nicht zu einer Umkehr des Leistungsbilanzdefizits führen würden, trat genau dies in kurzer Zeit ein. Die Exporte stiegen im Jahr 2008 in Landeswährung gerechnet um 53% an, während die Importe lediglich um 20% anstiegen. Es ist hier die Anpassung der Preise in Landeswährung, die eine wichtige Rolle spielt. Island importierte mengenmäßig weniger, erlöste aber mehr isländische Kronen. Da die Leistungsbilanz in Währung gemessen wird und nicht in Quantitäten kann eine Preisanpassung theoretisch völlig ausreichen, um die Leistungsbilanz ins Gleichgewicht zu bringen.

Kurze Zeit später begann in der Eurozone das Experiment der „internen Abwertung“, also dem Absenken der Löhne und der Preise. So sollte mehr Wettbewerbsfähigkeit erreicht werden. Dieser Versuch hat sich allerdings negativ auf die einheimische Nachfrage ausgewirkt, da mit fallenden allgemeinen Löhnen auch die heimische Nachfrage fiel. In Island hingegen gab es keine Lohnsenkungen. Zumindest weist der Lohnindex der isländischen Statistikbehörde zwischen 2000 und 2014 konsequent steigende Monatslöhne aus, ohne ein einziges Jahr mit fallenden Löhnen. Dies hat sich anscheinend positiv auf die Entwicklung der isländischen Binnennachfrage ausgewirkt, die nicht eingebrochen ist.”

http://www.flassbeck-economics.de/der-fall-island-lehren-aus-einer-europaeischen-krise-ohne-euro/

Q&A: Thomas Piketty responds to surprise Greek election result

Q. Should we still fear a Grexit?

A. Yes. The risk is that in delaying discussions about restructuring the debt, we realise in one or two years that the terms of the bailout package will not be respected.

We want Greece to keep a huge primary budget surplus for 20 to 30 years, which will mean setting aside an enormous budget for repayments.

How do you justify that to young Greeks? It would be reasonable to say that until the Greek economy has been rebuilt, a reduced primary budget surplus, around the level of GDP, will have to do. That’s normal and not excessively punitive.”

http://theconversation.com/qanda-thomas-piketty-responds-to-surprise-greek-election-result-47873

Wolfgang Münchau: Die Grexit-Gefahr ist immer noch da

Die Wahrscheinlichkeit eines Grexit per Unfall ist mit der Wahl weder gestiegen noch gesunken. Sie hängt von Faktoren ab, die fast alle außerhalb der politischen Kontrolle stehen. Die wirkliche Gefahr nämlich droht nicht dadurch, dass sich Tsipras weigert, irgendeine Reformmaßnahme umzusetzen. Sie lauert in der ökonomischen Logik der Anpassung selbst.

Das Programm selbst nahm auf die sich verschlechternden Wirtschaftsaussichten im Juli zwar Rücksicht. Die dort enthaltenen Zahlen waren nicht so hart wie die Annahmen vom Mai oder Juni. Seit Juli hat sich die Lage weiter verschlechtert. Griechenland wird die in dem Programm verhandelten Ziele nicht erfüllen können, weil sie nicht erfüllbar sind. […]

Vielleicht irre ich mich, und die Gläubiger schießen immer mehr Geld nach. Oder die Griechen akzeptieren einen ökonomischen Teufelskreis für immer. Oder vielleicht beides. Die Nachhaltigkeit von Griechenlands Position im Euro hängt aber davon ab, dass zumindest eine dieser beiden nicht sehr plausiblen Annahmen stimmt. Ansonsten geht es nicht.

Ich halte aus diesen Gründen einen Grexit für weiterhin wahrscheinlich. Natürlich bin ich mir nicht sicher. Ich kann auch nicht voraussagen, wann es passieren wird. Aber ich weiß genau, wie es passieren wird: plötzlich und von den meisten unerwartet.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-warum-der-grexit-nach-wie-vor-droht-kolumne-a-1053922.html

Greece: The election is over, the economic crisis is not

“The fresh dose of deflationary measures in Greece’s new €86bn (£62bn) bailout programme, agreed in July after Tsipras folded under pressure from creditors, will deepen a depression similar in its severity to those that afflicted Germany and the United States in the 1930s. The Greek economy has contracted by 29% since 2009 and is still shrinking after months of financial turmoil. Yet Greece remains part of a single currency that has emerged bloodied but intact. […]

The danger is that the austerity conditions remain fully in force and debt relief is much less generous than Tsipras is hoping for. It will require an improbably strong and rapid recovery for Greece to meet the optimistic growth and deficit reduction targets contained in its current bailout deal. As a result, the likelihood is that they will be missed, leading to pressure for further budget cuts.

What does that mean? It means that Greece will be back in the headlines for all the wrong reasons before too long. There will be talk of the need for a fourth bailout and of possible default if Greece doesn’t get one. The election is over; the economic crisis is not.”

http://www.theguardian.com/world/2015/sep/20/greece-the-election-is-over-the-economic-crisis-is-not

Yanis Varoufakis: The lenders are the real winners in Greece

“Tsipras must now implement a fiscal consolidation and reform programme that was designed to fail. Illiquid small businesses, with no access to capital markets, have to now pre-pay next year’s tax on their projected 2016 profits. Households will need to fork out outrageous property taxes on non-performing apartments and shops, which they can’t even sell. VAT rate hikes will boost VAT evasion. Week in week out, the troika will be demanding more recessionary, antisocial policies: pension cuts, lower child benefits, more foreclosures.

The prime minister’s plan for weathering this storm is founded on three pledges. First the agreement with the troika is unfinished business, leaving room for further negotiation of important details; second, debt relief will follow soon; and third Greece’s oligarchs will be tackled. Voters supported Tsipras because he appeared the most likely candidate to deliver on these promises. The trouble is, his capacity to do so is severely circumscribed by the agreement he has already signed.

His power to negotiate is negligible given the agreement’s clear condition that the Greek government must ‘agree with the [troika] on all actions relevant for the achievement of the objectives of the memorandum of understanding’ […]”

http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/sep/21/alexis-tsipras-greece-greek-leader-troika-yanis-varoufakis

Paul Krugman: Austerity success stories [Chart]

“Let’s look at what passes for success in Spain, which has, somewhat incredibly, been elevated as a role model: [Chart]

We see an awesome slump that leaves Spain far below its pre-crisis level of output, and even further below its pre-crisis trend, followed by an upturn that, even if it continues at the current pace, will take many years to recover the lost ground.”

http://krugman.blogs.nytimes.com/2015/09/14/austerity-success-stories/

Paul Krugman: Poland versus Greece [Charts]

[Poland is] also a country with relatively low productivity by northwestern European standards, indeed lower productivity than Greece by standard international measures: [Chart]

But Poland has not had a Greek-style crisis, or indeed any crisis at all. Instead, it has powered through the turmoil of recent years: [Chart]

What’s the difference? The main answer, surely, is the euro: by adopting the euro Greece first brought on massive capital inflows, then found itself in a trap, unable to achieve the needed real devaluation without incredibly costly deflation.”

http://krugman.blogs.nytimes.com/2015/09/11/poland-versus-greece

Heiner Flassbeck: Wirken Auf- und Abwertungen oder wirken sie nicht?

“Wenn man solche Argumente hört, fragt man sich, warum Deutschland die ganze Übung mit der Lohnzurückhaltung eigentlich gemacht hat, wenn Preise und Kosten ja eigentlich nicht wichtig sind […]. Wie kommt es, dass das Land mit den niedrigsten Kosten im Export am erfolgreichsten ist und in Relation zum Export am wenigsten importiert? Wenn es nur die guten deutschen Produkte unabhängig vom Preis waren, ja dann hätte man sich Agenda und Hartz IV doch sparen können, denn die deutschen Super-Produkte hätten sich ja auch bei viel höheren Preisen verkauft, oder?

Die Behauptung, in einer Marktwirtschaft habe der Absatz von Produkten nur wenig mit dem Preis zu tun, ist einfach unsinnig. Das gilt auch umgekehrt. Eine Abwertung schafft Gelegenheiten in jedem Land der Welt. […]

Am unsinnigsten ist das Argument, die Defizitländer hätten ja gar keine im internationalen Handel gefragten Produkte. Abgesehen davon, dass das empirisch falsch ist, offenbart es auch eine krude Logik. Zunächst einmal, um es ganz klar zu sagen: Wenn ein Land keine Produkte zum Exportieren hat, dann darf man ihm auch nichts verkaufen. […]

Kein souveränes Land der Welt kann importieren ohne zu exportieren, weil man nicht dauernd auf Pump leben kann, ohne seine Souveränität zu verlieren. Dafür gibt es normalerweise das Damoklesschwert des Wechselkurses, das den Wert jedes Exportüberschusses, also des im Ausland angehäuften Vermögens, per Abwertung bedroht, so dass sich der erfolgreiche Nettoexporteur dafür interessiert, wie es mit der Bonität des Landes steht, in dem er Überschüsse erzielt. Doch in einer Währungsunion fehlt dieses Damoklesschwert, es hätte, wie wir schon viele Male erklärt haben, ersetzt werden müssen durch eine Vorschrift zur Einhaltung der Zielinflationsrate auf nationaler Ebene.

http://www.flassbeck-economics.de/reisen-nach-athen-und-dublin-europas-endgame-hat-begonnen/

Flassbeck Economics: Eine Anmerkung zur Diskussion der Linken um den Grexit

“Deutschland hat durch seine (ohne Zweifel zu Unrecht erworbene) überlegene Wettbewerbsposition und seine extremen Leistungsbilanzüberschüsse eine Machtposition aufgebaut, die kaum zu erschüttern ist. Deutschland geht es wirtschaftlich besser als den anderen Staaten, weil es einen Großteil seiner Arbeitslosigkeit exportiert hat. Deutschland ist aus dem gleichen Grund zugleich der größte Gläubiger und damit das Land, das die Probleme der Defizitländer lösen kann, wenn diese vom Kapitalmarkt abgeschnitten werden, weil sie ihre Wettbewerbsfähigkeit (vor allem gegenüber Deutschland wiederum) verloren haben. […]

Bei dieser Machtkonstellation können die anderen Länder nur genau dann etwas erreichen, wenn sie glaubhaft drohen können, der deutschen Wirtschaft zu schaden, falls die deutsche Politik sich nicht ändert. Hierfür gibt es bei den gegebenen Verhältnissen nur ein einziges Instrument: Die Drohung mit dem Exit und einer starken Abwertung der eigenen neuen Währungen oder aber mit massiven protektionistischen Maßnahmen. Alle diese Maßnahmen laufen auf das Gleiche hinaus, nämlich den deutschen Gütern den Weg in das Land zu versperren oder sie prohibitiv teuer zu machen. Das ist die einzige ernsthafte Drohung, die von den Defizitländern eingesetzt werden kann.

http://www.flassbeck-economics.de/was-ist-politik-eine-anmerkung-zur-diskussion-der-linken-um-den-grexit/

FR-Gastbeitrag: Deutschlands Schuld an der Eurokrise

“Die wirkliche Ursache der Eurokrise liegt in einer deutschen Wirtschaftspolitik, die imperiale Züge trägt. Von 2000 bis 2009 sanken die preisbereinigten Löhne in Deutschland um rund fünf Prozent. Die anderen Länder der Eurozone hatten hingegen Reallohnerhöhungen von um die zehn Prozent – so Frankreich, Italien und Portugal – oder höher zu verzeichnen. […]

Mit dem Sonderweg Deutschlands in Gestalt des Lohndumpings wurden die Euroländer massiv unter Druck gesetzt. Sie wurden einerseits von der Exportmaschine Deutschland überrollt. Andererseits wurde mit dem Lohndumping die Binnennachfrage in Deutschland beschnitten und damit auch die Importe aus anderen Ländern.

So stiegen die Außenhandelsüberschüsse Deutschlands beständig an. Seit dem Jahr 2000 summieren sie sich auf rund zwei Billionen Euro. Die Kehrseite dieser Überschüsse sind massive Außenhandelsdefizite in vielen Euroländern. Und diese Defizite waren und sind die Grundlage für die massive Verschuldung und damit für die Eurokrise.”

http://www.fr-online.de/gastbeitraege/wirtschaftskrise-deutschlands-schuld-an-der-eurokrise,29976308,31729098.html

Grundsätzlich argumentiert der Autor, wirtschaftspolitischer Sprecher der Linken-Bundestagsfraktion, aber gegen einen Grexit (“Der Ausstieg aus dem Euro, der ‘Grexit’, wäre eine noch größere Katastrophe für das griechische Volk als das jetzige Memorandum.”). Gregor Czisch gibt ihm auf Flassbeck Economics kontra: “Es ist zu fürchten, dass es für die Griechen im Euro kein Entrinnen aus einer fortwährenden Abwärtsspirale gibt. Im Euro stecken die Griechen in der Falle und man muss dringend nach Auswegen suchen, nicht nur um der Griechen Willen.”

http://www.flassbeck-economics.de/weltfremde-ausstiegsgegner/