Heiner Flassbeck: Eine deutsche Falle für Italien

“Ja, es muss jemand einen Kredit aufnehmen und mehr Geld für Güter und Dienste ausgeben, als er selbst eingenommen hat. Mit anderen Worten, jemand muss neue Schulden machen. Denn wenn alle nur so viel ausgeben, wie sie einnehmen, bleibt die Wirtschaft genau stehen. Geben bestimmte Gruppen sogar weniger aus als sie einnehmen, das sind die, die wir üblicherweise Sparer nennen, ohne dass andere entsprechend entsparen oder sich verschulden, bricht die Wirtschaft weiter ein. […]

Man kann darauf bauen, wie das Deutschland im Zuge seiner ‘Strukturreformen’ zu Anfang der 2000er Jahre getan hat, dass andere Schulden machen, die einem selbst zugute kommen. Das kann gelingen, wenn man selbst den Gürtel enger schnallt und so billig wird, dass die Menschen im Ausland vermehrt die eigenen Güter kaufen und dafür Kredite aufnehmen.

Diesen Weg wäre Italien als exportstarke Nation in den vergangenen Jahren gerne auch gegangen, doch dieser Weg ist für Mitglieder der Eurozone weitgehend verschlossen. Er ist verschlossen von der Nation, die sich mit Hilfe ihres Lohndumpings auf den globalen Märkten der Welt dick und fett breit gemacht hat und den höchsten Leistungsbilanzüberschuss der Welt aufweist, nämlich Deutschland.”

https://makroskop.eu/2018/06/eine-deutsche-falle-fuer-italien/

Heiner Flassbeck: Wirken Auf- und Abwertungen oder wirken sie nicht?

“Wenn man solche Argumente hört, fragt man sich, warum Deutschland die ganze Übung mit der Lohnzurückhaltung eigentlich gemacht hat, wenn Preise und Kosten ja eigentlich nicht wichtig sind […]. Wie kommt es, dass das Land mit den niedrigsten Kosten im Export am erfolgreichsten ist und in Relation zum Export am wenigsten importiert? Wenn es nur die guten deutschen Produkte unabhängig vom Preis waren, ja dann hätte man sich Agenda und Hartz IV doch sparen können, denn die deutschen Super-Produkte hätten sich ja auch bei viel höheren Preisen verkauft, oder?

Die Behauptung, in einer Marktwirtschaft habe der Absatz von Produkten nur wenig mit dem Preis zu tun, ist einfach unsinnig. Das gilt auch umgekehrt. Eine Abwertung schafft Gelegenheiten in jedem Land der Welt. […]

Am unsinnigsten ist das Argument, die Defizitländer hätten ja gar keine im internationalen Handel gefragten Produkte. Abgesehen davon, dass das empirisch falsch ist, offenbart es auch eine krude Logik. Zunächst einmal, um es ganz klar zu sagen: Wenn ein Land keine Produkte zum Exportieren hat, dann darf man ihm auch nichts verkaufen. […]

Kein souveränes Land der Welt kann importieren ohne zu exportieren, weil man nicht dauernd auf Pump leben kann, ohne seine Souveränität zu verlieren. Dafür gibt es normalerweise das Damoklesschwert des Wechselkurses, das den Wert jedes Exportüberschusses, also des im Ausland angehäuften Vermögens, per Abwertung bedroht, so dass sich der erfolgreiche Nettoexporteur dafür interessiert, wie es mit der Bonität des Landes steht, in dem er Überschüsse erzielt. Doch in einer Währungsunion fehlt dieses Damoklesschwert, es hätte, wie wir schon viele Male erklärt haben, ersetzt werden müssen durch eine Vorschrift zur Einhaltung der Zielinflationsrate auf nationaler Ebene.

http://www.flassbeck-economics.de/reisen-nach-athen-und-dublin-europas-endgame-hat-begonnen/

Flassbeck Economics: „Die Hoffnung noch nicht aufgegeben“

“Frage: Könnte die Europäische Zentralbank nicht mit den Griechen zusammenarbeiten – und einfach einen festen Drachmen-Kurs zum Euro fixieren?

Antwort: In der Tat wäre es für die EZB ganz einfach, die nötigen Euros zur Verfügung zu stellen. Aber leider ist die EZB nicht dafür bekannt, Länder in Not zu unterstützen. […]

Warum sind Sie so sicher, dass die EZB ihre Fehler wiederholen würde?

Weil sie kein Interesse daran haben kann, dass Griechenland ökonomischen Erfolg hat, wenn es den Euro verlässt.

Das klingt nach Verschwörungstheorie.

Nein. Sie müssen sich nur in die Lage der EZB versetzen. Wenn es in Griechenland nach einem Grexit aufwärts ginge, würden andere Krisenländer auch versucht sein, die Währungsunion zu verlassen. Der Euro würde sich auflösen, und die Existenzberechtigung der EZB wäre untergraben.”

http://www.flassbeck-economics.de/die-hoffnung-noch-nicht-aufgegeben/

Heiner Flassbeck: Warum Wissenschaftler manchmal Aktivisten sein müssen

“Wenn alle sparen, werden alle arm.

Darum geht es genau in der Euro-Krise. In der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts machte der von der Politik gelenkte Staat den fatalen Fehler, in einer Situation, wo alle übrigen Sektoren einer Volkswirtschaft versuchen, weniger auszugeben, als sie einnehmen, ebenfalls eigene Sparversuche durchzuführen (Stichwort Heinrich Brüning). Eine solche Austeritätspolitik kann aber nicht gelingen, weil in der Gesamtwirtschaft logischerweise immer die Ausgaben eines Sektors die Einnahmen eines anderen sind. Versuchen alle Sektoren zu sparen, muss das Einkommen der Volkswirtschaft sinken, weil die Ersparnisse nicht mehr sinnvoll verwendet werden können und im Zuge der Rezession dann vernichtet werden. Zentrales empirisches Indiz dafür, dass die entwickelten Volkswirtschaften heute in einer solchen Lage sind, sind ein Zins von null und eine allgemeine deflationäre Tendenz.”

http://www.sueddeutsche.de/kultur/krise-in-der-eurozone-warum-wissenschaftler-manchmal-aktivisten-sein-muessen-1.2567017

Heiner Flassbeck: Deutschland hat quantitativ mehr gesündigt als Griechenland

Griechenland hat über seine Verhältnisse gelebt, Deutschland hat unter seinen Verhältnissen gelebt. Wer hat den grösseren Fehler begangen? Eindeutig Deutschland. Gemessen an dem, was einmal vereinbart worden ist, eine europäische Währungsunion mit einem Inflationsziel von zwei Prozent. Da muss man sich mit seinen Löhnen an die Produktivität anpassen. Das hat Deutschland nach unten getan, Griechenland nach oben. Deutschland hat aber quantitativ mehr gesündigt als Griechenland.”

http://www.derbund.ch/ausland/europa/Deutschland-hat-quantitativ-mehr-gesuendigt-als-Griechenland/story/13225570