Warum Sparen so unterschiedlich wirkt

“Viele Beispiele für eine aufheiternde Austerität haben Ökonomen in der Geschichte nicht finden können, sagt der schottische Wirtschaftswissenschaftler Mark Blyth. Meist brechen Geschäfts- und Konsumklima erst einmal ein. Schon eher könnte die Wette auf das Ausland aufgehen. Bei den sagenumwobenen Balten fielen Löhne und Preise so stark, dass sie in der Tat Marktanteile gewannen und die Litauer ihren Export nach Deutschland seit 2008 um fast 90 Prozent steigerten. […]

Besonders geholfen hat den Balten, dass ihr Export schon vor der Krise 40 bis 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachte – und es um sie herum Länder wie Deutschland gab, wo die Konjunktur lief. Klar: Wenn der Export ohnehin viel zur Wirtschaftsleistung beiträgt, haben kleine prozentuale Ausfuhrzuwächse große Wirkung. […]

Hier liegt der große Unterschied. Die Griechen haben vielfach nicht weniger oder langsamer gekürzt. Verglichen zu den Handelspartnern sind die Preise seit 2009 um zwölf Prozent gefallen, bei den Letten um zehn Prozent. Nur fehlten die konjunkturfreudigen Nachbarn. Und: Der Export von Waren macht in Griechenland nur 16 Prozent des BIP aus – schon wegen der Lage und den vielen Inseln. Zählt man Tourismus und andere Dienstleister dazu, kommt gerade ein Drittel aus dem Geschäft mit dem Ausland. Für die Austeritätswette der Griechen heißt das, dass sie den Export um 20 Prozent erhöhen müssen, um zehn Prozent Rückgang der Produktion fürs Inland auszugleichen. Ein Herkules-Akt. Den Esten reichten zum Ausgleich zwei bis drei Prozent Exportzuwachs. Eine andere Welt.”

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/griechenland-warum-sparen-so-unterschiedlich-wirkt-1.2579365

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James Galbraith: Erschlagen von der schwarzen Null

“Die neue Regierung hat nicht um neue Finanzhilfen gebeten. Sie hat verstanden, dass das Land künftig nicht mehr über seine Verhältnisse leben darf. Sie akzeptiert auch, dass es Reformen geben muss, so kann man zum Beispiel in der Steuerpolitik und in der öffentlichen Verwaltung vieles besser machen. Zugleich forderte Ministerpräsident Alexis Tsipras allerdings, dass auch in Griechenland die Arbeitnehmerrechte geachtet werden, wie in allen anderen europäischen Ländern auch. Er verlangte, Rentner mit niedrigen Einkommen zu schützen, Privatisierungen mit Augenmaß zu managen, pochte auf die Befreiung von destruktiver Austerität und den unbezahlbaren Schulden.

Was war die Antwort? Die europäischen Gläubiger und der IWF begegneten den griechischen Vorschlägen mit Feindseligkeit, Widerstand und Verweigerung. Die Regierungen von Finnland, den baltischen Staaten und der Slowakei wiesen die griechischen Forderungen aus ideologischen Gründen zurück. Diejenigen aus Spanien, Portugal und Irland lehnten sie aus Angst vor den Auswirkungen auf ihre eigene Politik ab. Italien, Frankreich und die Europäische Kommission zeigten zwar Sympathie für die Wünsche aus Athen, taten aber wenig. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble kam schließlich zum Schluss, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder hält sich Griechenland an die vereinbarten Reformen und Sparauflagen, und zwar ausnahmslos an alle, oder das Land muss den Euro aufgeben und vielleicht sogar die Europäische Union verlassen.

Von Anfang an wurde diese Position von Drohungen begleitet. Ende Januar drohte der Präsident der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselbloem, Griechenland bei einem Besuch in Athen mit der Zerstörung seines Bankensystems.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/essay-wider-den-staatsstreich-1.2603787

Jeffrey Sachs: Tod durch Schulden

“Verdiente Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg den Marshall-Plan, also das große Hilfsprogramm der USA? Nein. War der Marshall-Plan dennoch klug, um dem Land einen Neustart zu ermöglichen? Ja. Verdiente Russland 1992 einen Schuldenerlass? Nein. Wäre es klug gewesen, Russland solch einen Schritt anzubieten? Ja.

Verdient Griechenland einen Schuldenschnitt? Nein, denn die griechische Wirtschaft wurde sehr lange falsch geführt. Wäre es dennoch gut, Griechenland solch einen Schuldenschnitt anzubieten? Ja. […]

Griechenland befindet sich in einer tödlichen Spirale aus Austerität, Kapitalvernichtung, brain drain, Kapitalflucht und wachsenden sozialen Unruhen. […]

Die deutschen Steuerzahler glauben, dass sie außerordentlich großzügig gegenüber Griechenland gewesen sind, indem sie dem Land immer neue Kredite gewährt haben. Doch sie unterliegen dabei teilweise einer Illusion. Denn tatsächlich haben sich die deutschen Steuerzahler nicht gegenüber Griechenland großzügig gezeigt, sondern gegenüber ihren eigenen Banken.”

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sachs-zur-deutschen-griechenland-politik-tod-durch-schulden-1.2590278

In English:

http://international.sueddeutsche.de/post/125522613465/death-by-debt-my-response-to-the-german-finance

“Griechenland ist ein Sündenbock” [Interview]

Griechenlands Strukturprobleme sind nicht zu leugnen. Muss sich Griechenland nicht an die Standards anderer Länder anpassen, damit die Wirtschaft wieder wachsen kann?
Griechenland hat gewaltige Strukturprobleme, doch mit der Katastrophe nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 haben die so gut wie nichts zu tun. Das zeigt die Empirie: Wenn man sich die Entwicklung seit den 1950er Jahren anschaut, also immerhin 65 Jahre, kann man feststellen, dass die griechische Wirtschaft 58 Jahre deutlich schneller gewachsen ist als etwa die deutsche Wirtschaft. Und das trotz Korruption und Klientelismus in Griechenland. Das bedeutet, dass wir die Ursache der Krise woanders suchen müssen.”

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wirtschaftsforscher-schulmeister-ueber-schuldenkrise-griechenland-ist-ein-suendenbock-1.2568753

Milton Friedman: Der Ökonom, der alles voraussah

„Der Text liest sich heute wie Prophetie: Ziel des Euro sei es gewesen, so Friedman, die Vereinigten Staaten von Europa vorzubereiten. ‚Ich glaube, dass die Einführung des Euro den gegenteiligen Effekt haben wird. Sie wird politische Spannungen verschärfen, in dem sie divergente Schocks, die durch Änderung der Wechselkurse leicht hätten gemildert werden können, zu umstrittenen politischen Themen macht […]. Monetäre Einheit, die unter ungünstigen Bedingungen eingeführt wird, wird sich als Hindernis für die politische Einheit erweisen.“

Den Rest des Artikels kann man getrost vergessen, insbesondere die Schlussfolgerung, Europa bräuchte „unpolitischere Verfahren“ – also mehr „Technokratie“ –, wo doch ganz im Gegenteil nur ein großer politischer Wurf die Krise lösen kann.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/milton-friedman-der-oekonom-der-alles-voraussah-1.2568842

Heiner Flassbeck: Warum Wissenschaftler manchmal Aktivisten sein müssen

„Wenn alle sparen, werden alle arm.

Darum geht es genau in der Euro-Krise. In der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts machte der von der Politik gelenkte Staat den fatalen Fehler, in einer Situation, wo alle übrigen Sektoren einer Volkswirtschaft versuchen, weniger auszugeben, als sie einnehmen, ebenfalls eigene Sparversuche durchzuführen (Stichwort Heinrich Brüning). Eine solche Austeritätspolitik kann aber nicht gelingen, weil in der Gesamtwirtschaft logischerweise immer die Ausgaben eines Sektors die Einnahmen eines anderen sind. Versuchen alle Sektoren zu sparen, muss das Einkommen der Volkswirtschaft sinken, weil die Ersparnisse nicht mehr sinnvoll verwendet werden können und im Zuge der Rezession dann vernichtet werden. Zentrales empirisches Indiz dafür, dass die entwickelten Volkswirtschaften heute in einer solchen Lage sind, sind ein Zins von null und eine allgemeine deflationäre Tendenz.“

http://www.sueddeutsche.de/kultur/krise-in-der-eurozone-warum-wissenschaftler-manchmal-aktivisten-sein-muessen-1.2567017

IMF: Austerity measures would still leave Greece with unsustainable debt

“Secret documents show creditors’ baseline estimate puts debt at 118% of GDP in 2030, even if it signs up to all tax and spending reforms demanded by troika. […]

The documents, drawn up by the so-called troika of lenders, support Greece’s argument that it needs substantial debt relief for a lasting economic recovery. They show that, even after 15 years of sustained strong growth, the country would face a level of debt that the International Monetary Fund deems unsustainable.

The documents show that the IMF’s baseline estimate – the most likely outcome – is that Greece’s debt would still be 118% of GDP in 2030, even if it signs up to the package of tax and spending reforms demanded. That is well above the 110% the IMF regards as sustainable given Greece’s debt profile, a level set in 2012.”

http://www.theguardian.com/business/2015/jun/30/greek-debt-troika-analysis-says-significant-concessions-still-needed