Fricke: Deutschland allein zuhaus

“In keinem nicht nordkoreanischen Land der Welt wehrt sich das Ökonomie- Establishment so bitterlich dagegen, alte Dogmen abzulegen wie in Deutschland. Eine Schrulligkeit, die teuer zu enden droht. […]

Auf die Verschwörerliste gehören natürlich auch die Amis, die Briten, die Financial Times, die Weltbank, der Economist, die Bank of England, bei manchen Fragen 90 Prozent der Euro-Zentralbanker, mindestens ein halbes Dutzend Nobelpreisträger, selbst konservative Ökonomen wie Kenneth Rogoff oder Charles Wyplosz (‘was Schäuble macht, ist kriminell’), die Spanier, die Grünen, die Österreicher, die Griechen, sogar Chefs deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute sowie – Umfragen zufolge – ein Großteil jener Ökonomen, die bei uns jenseits der heiligen Orthodoxie von Sachverständigen, Bundesbank und Ifo-Institut wirken. Also eigentlich die ganze Welt. Gegen uns. So ähnlich muss sich Kim Jong Un fühlen, wenn er abends im Bett liegt. […]

Wenn Finanzminister Wolfgang Schäuble versuche, die Kritik an Handelsüberschüssen zu kontern, würden ‘zentrale Aspekte’ der Kritik einfach übergangen. Nichts womit man international anerkannte Spezialisten auch nur ansatzweise überzeugt. Im Gegenteil. Das ist eher peinlich. Oder es heißt, dass irgendein Vorschlag eben irgendwie links ist – das geht natürlich gar nicht.”

http://www.spiegel.de/wirtschaft/deutschland-wirtschaftsweise-gegen-den-rest-der-welt-kolumne-a-1152352.html

Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss und Spardiktat: Damit muss Schluss sein

“Egal, ob unser Finanzminister mal eben über demokratische Entscheidungen in Griechenland hinwegzieht und den Griechen ein Spar- und Reformprogramm ferndiktiert, für deren anders gelagerte und [weitaus – d. Red.] harmlosere Variante Deutschlands Wähler Gerhard Schröder in die Wüste geschickt haben, bevor es so weit kommen konnte – ganz abgesehen davon, dass es mittlerweile etliche solide Studien gibt, die belegen, dass so eine Politik alles nur schlimmer macht. Und wir uns damit selber schaden, weil wir noch länger auf unser Geld warten müssen.

Egal, der Deutsche (respektive sein Finanzminister) weiß es besser. Wir haben ja Erfolg. Und Erfolg gibt recht. Klappe!

Man braucht sich über Unmut nicht zu wundern, wenn Deutschland de facto zu den ersten Ländern zählte, die den Stabilitätspakt gebrochen haben (weil es inmitten von Stagnation und Reformwirren gar nicht anders geht, wenn man Wirtschaft und Volk nicht ruinieren will) – und jetzt aus demselben Deutschland fast täglich Belehrungen kommen, dass das in Frankreich oder Italien in vergleichbarer Lage nicht geht, weil das halt Schluderer sind. Was für eine Arroganz. Das ist dreist und frech zugleich.”

http://www.spiegel.de/wirtschaft/deutschlands-leistungsbilanzueberschuss-und-spardiktat-damit-muss-schluss-sein-kolumne-a-1145156.html

Widerstand gegen harten Sparkurs: Spaniens vorbildliche Sünden

„Wenn Spaniens Wirtschaft aus der Rezession gekommen ist, dann gerade weil die Regierung irgendwann aufgehört hat, wie irre Ausgaben zu kürzen und Steuern anzuheben. Und stattdessen die Konjunktur auch mal wieder ankurbelt. Den letzten großen Sanierungsschub gab es gemessen am Abbau des strukturellen Staatsdefizits 2013. Im Jahr 2014 wurde der Fehlbetrag kaum noch abgebaut, will heißen: den Menschen im Land kaum noch Geld abgenommen.

Vergangenes Jahr stiegen dann die staatlichen Konsumausgaben erstmals seit Langem wieder, ebenso wie die öffentlichen Investitionen, die von 2,1 auf 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung stiegen. Vor allem ließ Rajoy im Wahljahr die Steuern senken.

Ist es ein Zufall, dass 2014 auch die Wirtschaft wieder anzuziehen begann? Und dass das Wachstum just 2015 auf mehr als drei Prozent beschleunigte? Dass seitdem die Menschen in Spanien wieder mehr Geld ausgeben und dank des Aufschwungs auch die Arbeitslosigkeit endlich wieder sinkt? Natürlich nicht.

So ist das eben mit den gesamtwirtschaftlichen Wirkungsketten. Nichts für einfache Gemüter oder religiöse Sittenwächter.“

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/spanien-verweigert-harten-sparkurs-thomas-fricke-kolumne-a-1093159.html