Wolfgang Streeck: Nicht ohne meine Nation

Tatsächlich gehören die meisten Mitgliedstaaten der EU nicht an, um ihre Souveränität abzugeben, sondern um sie so weit wie möglich zu verteidigen, gerade auch gegen andere Mitgliedstaaten, oder sie überhaupt erst voll zu verwirklichen – siehe Irland, Dänemark, die Niederlande und Luxemburg, die baltischen Staaten, Finnland, Polen und so weiter. Und was die beiden europäischen Atommächte angeht, so dreht sich in Frankreich und Großbritannien die Europa-Diskussion vor allem darum, ob man innerhalb der EU oder gar der Währungsunion souveräner ist – auf Deutsch, weniger von Deutschland regiert wird – als außerhalb. Mit zunehmender Tiefe der Integration wird diese Frage zunehmend negativ beantwortet; […]

Tatsächlich ist der moderne Nationalstaat, oder Quasi-Nationalstaat, als souveräner Territorialstaat auch im Zeitalter der ‘Globalisierung’ alles andere als obsolet. 2010 zählten die Vereinten Nationen 202 souveräne Staaten, darunter 192 Mitgliedstaaten; 1950 waren es noch 91 gewesen, 60 davon in den UN. 1980 war die Gesamtzahl der Staaten auf 177 gestiegen und nahm in den darauffolgenden drei Jahrzehnten beschleunigter ‘Globalisierung’ noch einmal zu. […]

In der EU geht es kleinen Ländern außerhalb der Währungsunion (Dänemark, Schweden) besser als innerhalb (Finnland, Portugal, Griechenland, Irland) und kleinen Ländern außerhalb der EU (Norwegen, Schweiz, Island) zumindest nicht schlechter als kleinen Ländern in der EU, selbst wenn diese noch über eine eigene Währung verfügen. […]

Bei der globalen Expansion des Kapitalismus handelt es sich nämlich, Habermas und der Standardökonomie zum Trotz, nicht um einen evolutionären Rationalisierungsfortschritt, sondern um die landnehmende Anverwandlung des sozialen Lebens an die ‘Sachzwänge’ grenzenloser Kapitalakkumulation – einen gesellschaftsfressenden Prozess, der der sozialen Eindämmung bedarf, die aber auf sehr lange Sicht allenfalls auf lokaler, partikularer Ebene geleistet werden kann.”

http://www.zeit.de/2017/18/europaeische-union-nationalstaat-deutschland-neoliberalismus